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Kommunikation

Gesprächsnarzissmus erkennen und überwinden

Von Jürgen Melmuka · 25. April 2026

Gesprächsnarzissmus ist die unbewusste Tendenz, jedes Gespräch auf sich selbst zu lenken. Wer ihn erkennt, kann gegensteuern und wieder zu echtem Dialog finden.

Sie kennen das: Sie erzählen einer Kollegin von einem Problem im Projekt – und nach drei Sätzen redet sie über ihre eigene, scheinbar ähnliche Erfahrung. Ihr Anliegen bleibt liegen, das Gespräch dreht sich ab sofort nur noch um ihren Fall. Was Sie eben erlebt haben, hat einen Namen: Gesprächsnarzissmus, oder im Original „conversational narcissism". Der Begriff wurde 1979 vom Soziologen Charles Derber geprägt und beschreibt die unbewusste Tendenz, jedes Gespräch auf sich selbst zu lenken.

Gesprächsnarzissmus ist nicht dasselbe wie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Er ist ein alltägliches Kommunikationsmuster, das fast jeder gelegentlich zeigt – manche allerdings systematisch. Derber unterscheidet zwei Reaktionsweisen: die Support-Response („Erzähl mir mehr") und die Shift-Response („Bei mir war das auch so..."). Die Support-Response hält das Gespräch beim Gegenüber, die Shift-Response zieht das Thema zu sich. Wer ständig shiftet, signalisiert: Mein Erleben ist wichtiger als deines.

Die häufigsten Erscheinungsformen sind subtil und werden oft als normales Gesprächsverhalten missverstanden: das eigene Erlebnis kontert ein gerade geschildertes Problem, jede Anekdote führt zu einer eigenen, längeren Anekdote, Fragen werden gestellt, um sofort die eigene Antwort zu präsentieren. Im Berufsalltag zeigt sich Gesprächsnarzissmus in Meetings, in denen einzelne dominieren, in 1:1-Gesprächen, in denen die Führungskraft mehr redet als zuhört, und in Verkaufsgesprächen, in denen die Bedarfsanalyse zur Produktpräsentation wird.

Der erste Schritt zur Veränderung ist Bewusstheit. Achten Sie in Ihrem nächsten Gespräch bewusst darauf: Wann shifte ich das Thema zu mir? Welche Impulse hatte ich – und welche habe ich tatsächlich geäußert? Das HaTeCo-Modell der Zuhörakademie liefert dafür praktische Werkzeuge. Die Haltung des wirklichen Interesses (das I im WIRKSAM-Akronym), die Technik der Paraphrase und das Decodieren auf mehreren Ebenen helfen, beim Gegenüber zu bleiben und echte Verbindung herzustellen.

Konkrete Übung für den Alltag: Stellen Sie in einem Gespräch drei vertiefende Fragen, bevor Sie selbst etwas Eigenes einbringen. Klingt einfach, ist aber überraschend schwer – und transformierend. Sie werden erleben: Ihr Gegenüber öffnet sich anders, die Qualität des Austauschs verändert sich spürbar. Wer Gesprächsnarzissmus bei sich erkennt und gegensteuert, gewinnt nicht nur bessere Gespräche, sondern auch tiefere Beziehungen, bessere Informationen und – im beruflichen Kontext – höhere Mitarbeiterbindung und Verkaufserfolge.

Zuhören lernen und vertiefen

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